Gib mir meine Ehre zurück ! – Valentin Szene – Dialog

DIE VALENTIN SZENE – FAUST TEIL I

Der Soldat Valentin ist der Bruder Gretchens und tritt erstmalig in der Szene „Nacht“ in Erscheinung. In einem längeren Monolog äußert Valentin seine Verärgerung und Enttäuschung über Gretchen, welche ins Gerede der Leute gelangen ist. Ernüchtert stellt er fest, dass er früher nicht angreifbar gewesen sei und dass seine Schwester als „Zier vom ganzen Geschlecht“ (V. 3636) gegolten habe, sich nun aber schuldig gemacht habe. Valentin sieht sich in seiner Ehre verletzt, er befürchtet, sich von jedem „Schurken“ – zu Recht, wie er findet, – beschimpfen lassen zu müssen (V. 3641, 3645).Faust_Schauspiel02

Valentin: (lachend) Männer prahlen mit ihren Weibern, was mich zum Lachen bringt. Es gibt kein Weib, dass meiner Gretchen das Wasser reichen kann! Jeder sagt, sie sei die Zier des ganzen Geschlechts. So rein, dass niemand über sie lästern kann.(traurig) Doch nun, nehme ich alle Beleidigungen hin. Jedes Wort ist wahr. Ich kann niemanden einen Lügner nennen.

Schließlich bemerkt er, dass sich zwei Gestalten nähern und vermutet sogleich, dass es sich bei einem der beiden um den verhassten Liebhaber der Schwester handeln könnte (V. 3648). Valentin  will diesen nicht „lebendig von der Stelle“ (V. 3649) lassen, Valentin ist also auf gewaltsame Rache am vermeintlichen Schänder der Familienehre aus. Als Faust und Mephisto daraufhin vor Gretchens Tür auftauchen und Mephisto beginnt, zur Zither zu singen, stellt Valentin die beiden und attackiert Mephisto verbal als „vermaledeiten Rattenfänger“ (V. 3699) und wünscht ihn zum Teufel (V. 3700-3701), ohne zu ahnen, es mit diesem bereits zu tun zu haben.

Valentin: (wütend)Wer sind diese Männer? Warum schleichen sie so mysteriös? Nein… Gott sage mir nicht, dass diese Herren Schande über meine Schwester brachten. Sie sollen sterben, durch meine Hand!

Mephisto: (teuflische, tiefe Stimme) Ach, ich erwarte die Walpurgisnacht mit Freude! (teuflisches Lachen)

Faust: (seufzend) Ach, ich sehne mich so sehr nach Gretchen.

Mephisto: (singend)

Was machst du mir

Vor Liebchens Tür,

Kathrinchen, hier

Bei frühem Tagesblicke?
Laß, laß es sein!
Er läßt dich ein

Als Mädchen ein,
Als Mädchen nicht zurücke.

Nehmt euch in acht!

Ist es vollbracht,

Dann gute Nacht`

Ihr armen, armen Dinger!

Habt ihr euch lieb,

Tut keinem Dieb

Nur nichts zulieb

Als mit dem Ring am Finger.

Valentin: (aggressiv) Du miese Ratte! Zum Teufel mit dir! Ich werde dich umbringen!


Mephistozu Faust: (flüsternd) Liefere einen Kampf, stoß zu! Ich pariere!


Valentin: (energisch) Pariere den!


Valentin und Faust fechten… Mephisto verwendet einen Zaubertrick, um Valentin zu schwächen.


Valentin: (verwirrt) Huh? Was geschieht mit mir? Weshalb lässt die Kraft meiner Hand nach?


Mephisto: (hektisch)Los! Stoß zu!


Faust stößt zu, Valentin wird erstochen und fällt.


Mephisto: (zufrieden) Nun ist der Lümmel zahm.Wir müssen fort! Das Volk versammelt sich. Sie werden uns festnehmen!


Marthe: (schreiend) Heraus! Heraus! Hört ihr das Geschrei denn nicht?


Volk: Da liegt jemand!


Marthe: Die Möder, sind sie denn entflohen?

Gretchen: (aufgebracht und hektisch) Wer liegt denn hier?


Volk: Dein Mutter Sohn!


Gretchen: (verzweifelt) Allmächtiger! So helft doch!


Valentin: (hasserfüllt)Lass es! Ich sterbe! 

 

 Valentin bleibt  noch genügend Kraft für eine energische Ansprache an die versammelte Menge: Darin greift er seine Schwester Gretchen scharf an, behauptet, sie mache ihre Sachen schlecht (V. 3728) und sei „nun einmal eine Hur“ (V. 3730). Er kostet Gretchens öffentliche Bloßstellung vollends aus, indem er die  Aussagen vor versammelter Menge tätigt. Gretchen ist schockiert von den Vorwürfen ihres Bruders und stammelt. Dieser fährt unterdessen mit seiner Rede fort und erzählt , dass Gretchen nun mit einem angefangen habe, sich als nächstes mit einem Dutzend und am Ende mit der ganzen Stadt einlassen werde (V. 3736-3740). Valentin ist sich sicher, dass Gretchen dem Untergang geweiht ist und prophezeit Gretchen  eine düstere Zukunft, geprägt von der  Ausstoßung aus der bürgerlichen Gesellschaft, angefangen mit der Geburt der Schande, die sich nicht verstecken lasse. Schließlich verflucht er Gretchen (V. 3754).

Valentin: (lachend) Lass Herrngott aus dem Spiel!

(etwas traurig und bitter) Ja, man kann nichts ändern, was geschehen ist. Du hast mit einem Kerl begonnen dich zu vergnügen, bald kommen mehrere dazu. Letztendlich hast du dich mit der ganzen Stadt vergnügt.

(wuterfüllt) Ich würde dich gerne ermorden, du hässliche Gestalt! Ich kann schon sehen, wie alle braven Bürger dir aus dem Wege gehen, wenn sie dich nur einmal sehen!

Marthe: Hör auf deine Seele mit mehr Sünden voll zu stopfen!

Valentin: Sei leise du dummes Weib!

Gretchen: (weinend) Mein Bruder?! Was sagst du bloß?!

Valentin: Hör auf unnötig Tränen zu vergießen! Dank dir, bin ich nun schwerst verletzt. Nun werde ich sterben, für Gott, als ein braver Soldat. (stirbt)

Originaltext aus Faust I :

Valentin, Soldat, Gretchens Bruder.

Wenn ich so saß bei einem Gelag,
Wo mancher sich berühmen mag,
Und die Gesellen mir den Flor
Der Mägdlein laut gepriesen vor,
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
Den Ellenbogen aufgestemmt,
Saß ich in meiner sichern Ruh,
Hört all dem Schwadronieren zu
Und streiche lächelnd meinen Bart
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: „Alles nach seiner Art!
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser reicht?“
Topp! Topp! Kling! Klang! das ging herum;
Die einen schrieen: „Er hat recht,
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht.“
Da saßen alle die Lober stumm.
Und nun!- um’s Haar sich auszuraufen
Und an den Wänden hinaufzulaufen!-
Mit Stichelreden, Naserümpfen
Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
Soll wie ein böser Schuldner sitzen
Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen!
Und möcht ich sie zusammenschmeißen
Könnt ich sie doch nicht Lügner heißen.

Was kommt heran? Was schleicht herbei?
Irr ich nicht, es sind ihrer zwei.
Ist er’s, gleich pack ich ihn beim Felle
Soll nicht lebendig von der Stelle!

 FAUST:
Wie von dem Fenster dort der Sakristei
Aufwärts der Schein des Ew’gen Lämpchens flämmert
Und schwach und schwächer seitwärts dämmert,
Und Finsternis drängt ringsum bei!
So sieht’s in meinem Busen nächtig.

MEPHISTOPHELES:
Und mir ist’s wie dem Kätzlein schmächtig,
Das an den Feuerleitern schleicht,
Sich leis dann um die Mauern streicht;
Mir ist’s ganz tugendlich dabei,
Ein bißchen Diebsgelüst, ein bißchen Rammelei.
So spukt mir schon durch alle Glieder
Die herrliche Walpurgisnacht.
Die kommt uns übermorgen wieder,
Da weiß man doch, warum man wacht.

FAUST:
Rückt wohl der Schatz indessen in die Höh,
Den ich dort hinten flimmern seh?

MEPHISTOPHELES:
Du kannst die Freude bald erleben,
Das Kesselchen herauszuheben.
Ich schielte neulich so hinein,
Sind herrliche Löwentaler drein.

FAUST:
Nicht ein Geschmeide, nicht ein Ring,
Meine liebe Buhle damit zu zieren?

MEPHISTOPHELES:
Ich sah dabei wohl so ein Ding,
Als wie eine Art von Perlenschnüren.

FAUST:
So ist es recht! Mir tut es weh,
Wenn ich ohne Geschenke zu ihr geh.

MEPHISTOPHELES:
Es sollt Euch eben nicht verdrießen,
Umsonst auch etwas zu genießen.
Jetzt, da der Himmel voller Sterne glüht,
Sollt Ihr ein wahres Kunststück hören:
Ich sing ihr ein moralisch Lied,
Um sie gewisser zu betören. (Singt zur Zither.) Was machst du mir
Vor Liebchens Tür,
Kathrinchen, hier
Bei frühem Tagesblicke?
Laß, laß es sein!
Er läßt dich ein
Als Mädchen ein,
Als Mädchen nicht zurücke.

Nehmt euch in acht!
Ist es vollbracht,
Dann gute Nacht‘
Ihr armen, armen Dinger!
Habt ihr euch lieb,
Tut keinem Dieb
Nur nichts zulieb
Als mit dem Ring am Finger.

VALENTIN (tritt vor):
Wen lockst du hier? beim Element!
Vermaledeiter Rattenfänger!
Zum Teufel erst das Instrument!
Zum Teufel hinterdrein den Sänger!

MEPHISTOPHELES:
Die Zither ist entzwei! an der ist nichts zu halten.

VALENTIN:
Nun soll es an ein Schädelspalten!

MEPHISTOPHELES (zu Faust):
Herr Doktor, nicht gewichen! Frisch!
Hart an mich an, wie ich Euch führe.
Heraus mit Eurem Flederwisch!
Nur zugestoßen! ich pariere.

VALENTIN:
Pariere den!

MEPHISTOPHELES:
Warum denn nicht?

VALENTIN:
Auch den!

MEPHISTOPHELES:
Gewiß!

VALENTIN:
Ich glaub, der Teufel ficht! Was ist denn das? Schon wird die Hand mir
lahm.

MEPHISTOPHELES (zu Faust):
Stoß zu!

VALENTIN (fällt):
O weh!

MEPHISTOPHELES:
Nun ist der Lümmel zahm! Nun aber fort! Wir müssen gleich verschwinden
Denn schon entsteht ein mörderlich Geschrei.
Ich weiß mich trefflich mit der Polizei,
Doch mit dem Blutbann schlecht mich abzufinden.

MARTHE (am Fenster):
Heraus! Heraus!

GRETCHEN (am Fenster):
Herbei ein Licht!

MARTHE (wie oben):
Man schilt und rauft, man schreit und ficht.

VOLK:
Da liegt schon einer tot!

MARTHE (heraustretend):
Die Mörder, sind sie denn entflohn?

GRETCHEN (heraustretend):
Wer liegt hier?

VOLK:
Deiner Mutter Sohn.

GRETCHEN:
Allmächtiger! welche Not!

VALENTIN:
Ich sterbe! das ist bald gesagt
Und balder noch getan.
Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
Kommt her und hört mich an!
(Alle treten um ihn.)
Mein Gretchen, sieh! du bist noch jung,
Bist gar noch nicht gescheit genung,
Machst deine Sachen schlecht.
Ich sag dir’s im Vertrauen nur:
Du bist doch nun einmal eine Hur,
So sei’s auch eben recht!

GRETCHEN:
Mein Bruder! Gott! Was soll mir das?

VALENTIN:
Laß unsern Herrgott aus dem Spaß!
Geschehn ist leider nun geschehn
Und wie es gehn kann, so wird’s gehn.
Du fingst mit einem heimlich an
Bald kommen ihrer mehre dran,
Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
So hat dich auch die ganze Stadt.

Wenn erst die Schande wird geboren,
Wird sie heimlich zur Welt gebracht,
Und man zieht den Schleier der Nacht
Ihr über Kopf und Ohren;
Ja, man möchte sie gern ermorden.
Wächst sie aber und macht sich groß,
Dann geht sie auch bei Tage bloß
Und ist doch nicht schöner geworden.
Je häßlicher wird ihr Gesicht,
Je mehr sucht sie des Tages Licht.

Ich seh wahrhaftig schon die Zeit,
Daß alle brave Bürgersleut,
Wie von einer angesteckten Leichen,
Von dir, du Metze! seitab weichen.
Dir soll das Herz im Leib verzagen,
Wenn sie dir in die Augen sehn!
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn!
In einem schönen Spitzenkragen
Dich nicht beim Tanze wohlbehagen!
In eine finstre Jammerecken
Unter Bettler und Krüppel dich verstecken,
Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,
Auf Erden sein vermaledeit!

MARTHE:
Befehlt Eure Seele Gott zu Gnaden!
Wollt Ihr noch Lästrung auf Euch laden?

VALENTIN:
Könnt ich dir nur an den dürren Leib,
Du schändlich kupplerisches Weib!
Da hofft ich aller meiner Sünden
Vergebung reiche Maß zu finden.

GRETCHEN:
Mein Bruder! Welche Höllenpein!

VALENTIN:
Ich sage, laß die Tränen sein!
Da du dich sprachst der Ehre los,
Gabst mir den schwersten Herzensstoß.
Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein als Soldat und brav.
(Stirbt.)

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